Gesundheit

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Die Gesundheit des Menschen, nach der gegenwärtigen Definition der Weltgesundheitsorganisation „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“ [1], beruht aus geisteswissenschaftlicher Sicht auf dem geregelten, individuell bestimmten, harmonischen Zusammenwirken der Wesensglieder des Menschen. Es gibt nicht die Gesundheit schlechthin, die für alle Menschen in gleicher Weise gültig ist, so wie es auch nicht die Krankheit schlechthin gibt, sondern viele verschiedene Krankheiten, die in ganz individueller Ausprägung auftreten. So ist es auch mit der Gesundheit.

„Die gewöhnliche Volksmeinung ist, dass es so und so viele Krankheiten gebe, aber nur eine einzige Gesundheit. Dies ist aber eine unsinnige Meinung, denn in Wahrheit gibt es so viele Gesundheiten, als es Menschen gibt. Gesundheit ist nämlich etwas durchaus Individuelles und für jeden Menschen letztlich etwas anders. Man macht sich aber nur ein ganz allgemeines Bild von einem Gesunden, und was an diesem Bilde nicht stimmt, wird als Krankheit betrachtet. Man sollte darauf sehen, dass ein Mensch trotz der Abnormität der Krankheit das beste und bequemste Leben zu führen imstande wäre, so, als ob er jene Abnormität gar nicht hätte. Nicht aber soll man ihn zurückführen wollen auf jene allgemeine Schablone, die man sich irgendwie gestaltet hat und nun allem aufdrängen möchte.“ (Lit.:GA 68d, S. 319)

„Wir können darum heute gar nicht irgendwie von einer allgemeinen Schablone der Gesundheit sprechen, weil eben unser Leben so mannigfaltig ist. Der eine steht hier, der andere dort. Und weil das, was sich im Menschen entwickelt hat, in gewisser Weise durch die Außenwelt entwickelt worden ist, so hat jeder Mensch seine eigene Gesundheit. Deshalb müssen wir den Menschen fähig machen, seine Umgebung ertragen zu können bis in die Leibesvorgänge hinein. Für einen Menschen, der in Verhältnisse hineingeboren ist, wo leichte Muskeln, leichte Nerven erforderlich sind, für den wäre es etwas Törichtes, dicke Muskeln heranzubilden. Wo liegt der Maßstab für die gedeihliche Entwickelung des Menschen? Er liegt im Menschen selber. Mit der Gesundheit ist es wie mit dem Gelde. Wenn wir nach dem Gelde streben, um es zu wohltätigen Zwecken zu haben, so ist es etwas Heilsames, etwas Gutes. Das Streben nach Geld darf nicht verworfen werden, denn es ist etwas, was uns fähig macht, den Kulturprozeß zu fördern. Streben wir nach Geld um des Geldes willen, so ist das absurd, lächerlich. Ebenso ist es mit der Gesundheit. Streben wir nach der Gesundheit um der Gesundheit willen, so hat sie keine Bedeutung. Streben wir nach der Gesundung um dessentwillen, was wir mit der Gesundheit erreichen können, dann ist das Streben nach Gesundheit berechtigt. Wer Geld erwerben will, soll sich erst klarmachen: Wieviel brauchst du? - Dann soll er danach streben. Wer sich nach Gesundheit sehnt, der muß in Betracht ziehen, was in der Realität mit den leicht mißverständlichen Worten: Behagen, Lebenslust und Lebensfreude gesagt werden kann. Bei den primitiven Menschen ist Lebensfreude, Lebensbefriedigung, Lebenslust vorhanden. Bei dem Menschen, bei dem äußeres und inneres Leben in Harmonie stehen, bei dem harmonisch ausgebildeten Menschen muß es sich so verhalten, daß, wenn irgendwo Unlust vorhanden ist, wenn irgend etwas schmerzt, leiblich oder seelisch, dieses Unlustgefühl ein Anzeichen für irgendeine Krankheit, für eine Disharmonie ist. Deshalb ist in aller Erziehung, in aller öffentlichen Arbeit nicht schablonenmäßig zu arbeiten, sondern aus der Breite der Kulturanschauung heraus, so daß dem Menschen Freude und Befriedigung am Leben möglich ist.“ (Lit.:GA 56, S. 218f)

„Es soll auch heute, wie schon einmal bei einer ähnlichen Gelegenheit, an einen alten Ausspruch erinnert werden, der manchem einfällt, wenn von Gesundheit und Krankheit gesprochen wird, an den Ausspruch: Es gibt so viele Krankheiten und nur eine einzige Gesundheit! - Dieser Ausspruch erscheint im Grunde genommen manchen so selbstverständlich als möglich, und dennoch ist er ein Irrtum, ein Irrtum im eminenten Sinne des Wortes, denn es gibt nicht bloß eine Gesundheit, sondern so viele Gesundheiten, wie es Menschen gibt. Das ist es gerade, was wir in unsere Gesinnung aufnehmen müssen, wenn wir die Fragen nach dem Gesunden und Kranken im richtigen Lichte sehen wollen. Wir müssen in unsere Gesinnung aufnehmen, daß der Mensch ein individuelles Wesen ist, daß jeder Mensch anders beschaffen ist als der andere, und daß das, was dem einen heilsam und für den anderen schädlich und krankmachend sein kann, ganz abhängt von seiner individuellen Beschaffenheit.“ (Lit.:GA 57, S. 186f)

„Man betrachtet ja heute Gesundheit und Krankheit eigentlich als zwei Gegensätze. Der Mensch ist entweder gesund oder krank. Aber so ist überhaupt die Sache gar nicht, ihrer Realität, ihrer Wirklichkeit nach gedacht. So ist es gar nicht. Gesundheit und Krankheit stehen nicht etwa einander polar entgegen, sondern das Gegenteil der Krankheit ist etwas ganz anderes als die Gesundheit...

... dasjenige, was bei der Krankheit auftritt, daß ein einzelnes Organ, ein Organsystem herausfällt aus der ganzen Organisation, daß es gewissermaßen als Einzelnes sich besonders hervortut, dem steht entgegen, daß das einzelne Organ in der Gesamtorganisation untergeht... Und das ist der Gegensatz der Krankheit. Die Krankheit hat eine Polarität, die eigentlich darinnen liegt, daß das einzelne Organ gewissermaßen aufgesogen wird vom Gesamtorganismus und zu seiner besonderen Wollust, zu seiner besonderen inneren Befriedigung beiträgt. Ein, ich möchte sagen, Überlust-Erlebnis ist eigentlich der polarische Gegensatz der Krankheit.

Nehmen Sie die Sache selbst sprachlich. Wenn Sie das Verbum bilden von krank, so haben Sie kränken; kränken: Schmerz bereiten. Nehmen Sie ein Zeitwort, das das polarische Gegenteil bedeuten würde, so hätten Sie: Lust bereiten. Und zwischen diesen zwei Extremen, zwischen dem Kranksein und Lustvollsein, muß der Mensch das Gleichgewicht halten. Das ist die Gesundheit. Der Mensch hat nicht die polarischen Gegensätze Krankheit und Gesundheit, sondern Krankheit und einen ganz anderen polarischen Gegensatz, und die Gesundheit ist der Gleichgewichtszustand, den wir uns fortwährend organisch bemühen müssen zu erhalten. Wir pendeln gewissermaßen hin und her zwischen Kranksein und innerlich Lustvollsein, organisch lustvoll sein. Das Gesundsein ist der Gleichgewichtszustand zwischen den beiden Polaritäten. Das ist die Realität.“ (Lit.:GA 304, S. 75f)

Siehe auch

Portal
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Literatur

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Einzelnachweise

  1. Verfassung der Weltgesundheitsorganisation, deutsche Übersetzung
    Im Original: Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity.
    Constitution of the World Health Organisation. Original als .pdf
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