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Götz W. Werner

Aus AnthroWiki
Götz Werner auf der re:publica 2010

Götz Wolfgang Werner (* 5. Februar 1944 in Heidelberg, † 8. Februar 2022) war Gründer und Aufsichtsratmitglied von dm-drogerie markt, dessen Geschäftsführer er 35 Jahre lang war. Von Oktober 2003 bis September 2010 leitete Götz W. Werner das Interfakultative Institut für Entrepreneurship am Karlsruher Institut für Technologie, war Gründer der „Initiative Unternimm die Zukunft“,[1] Präsident des EHI Retail Institute e. V. (EHI) und Aufsichtsratmitglied der GLS Gemeinschaftsbank.

Der Unternehmer

Götz Werner wurde als fünftes Kind einer Drogistenfamilie in dritter Generation geboren. Seine Mutter kam aus Preußen und hatte Psychologie studiert.[2] Er besuchte vor der Mittleren Reife eine Handelsschule in Konstanz am Bodensee, wo er von 1961 bis 1964 eine Drogistenlehre machte. Dort setzte er das in Heidelberg begonnene Rudern fort und wurde in seiner Freizeit zu einem begeisterten Ruderer. Sein energisch betriebenes Hobby führte schließlich 1963 zum Deutschen Jugendmeistertitel im Doppelzweier. Danach erwarb er sich eine gründliche Berufspraxis in verschiedenen Handelsunternehmen. Schließlich trat er 1968 in das elterliche Drogeriegeschäft in Heidelberg ein. 1969 wechselte er zur Karlsruher Großdrogerie Idro der Firma Carl Roth. Nach der Reorganisation des Vertriebs schlug er der Geschäftsführung auch die Einführung des Discounter-Prinzips vor, jedoch mit einer kompetenten Kunden-Fachberatung. Seine innovativen Ideen wurden abgelehnt.

Werner verließ daraufhin seinen Arbeitgeber und machte sich selbständig. 1973 gründete er seine erste Drogerie in Karlsruhe. Der Name für das neue Unternehmen „dm“ ist die Abkürzung für „Drogeriemarkt“. 1976 expandierte Werner auf den österreichischen Markt, sein früherer Ruderpartner Günter Bauer leitet heute dm-Österreich.[2] 1978 existierten bereits mehr als 100 Filialen in Deutschland. Im Geschäftsjahr 2009/2010 gab es 2.403 Filialen in elf europäischen Ländern. Das Unternehmen beschäftigt rund 36.000 Mitarbeiter, die 2009/10 einen Umsatz von 5,6 Mrd. Euro erwirtschafteten. 2005 schätzte das manager magazin sein Vermögen auf € 1,05 Mrd.; er lag so auf Platz 78 der reichsten Deutschen. Als Nachfolger von Reinhold Würth wurde er 2003 zum Professor des Instituts für Entrepreneurship [3] am Karlsruher Institut für Technologie (ehemals Universität Karlsruhe (TH)) ernannt. Werner zog sich Mitte Mai 2008 aus der operativen Geschäftsführung zurück und wechselte in den Aufsichtsrat. Nachfolger wurde sein damaliger Stellvertreter Erich Harsch, der zu diesem Zeitpunkt seit fast 27 Jahren für dm arbeitete. Werners ältester Sohn Christoph (* 1973) gehört ab 2011 der erweiterten dm-Geschäftsführung an, zuvor war er beim Pharmakonzern GlaxoSmithKline in den USA tätig. Werner war in zweiter Ehe verheiratet [4] und hat sieben Kinder.

Das Unternehmenskonzept

Zunächst ging Werner einen konventionellen Weg, indem er weitgehend das Discounter-Prinzip (Selbstbedienung, hoher Rabattsatz wegen Großeinkauf) vom Lebensmittelhandel auf den Drogeriemarkt ausweitete. Anlass war 1973 die Aufhebung der Preisbindung für Drogerieprodukte. Anfang der 1990er Jahre änderte Werner schrittweise auch die interne Organisationsstruktur. Die Filialen erhielten zunehmend mehr Selbstverantwortung und Eigenkontrolle. Heute bestimmen die dm-Filialen vor Ort selbst ihr Sortiment, ihre Dienstpläne, zum Teil die Vorgesetzten und sogar die Gehälter.[5] Dieser Gestaltungsspielraum der Mitarbeiter bei Entscheidungen ist nach Ansicht von Analysten der Grund für konkurrenzfähige niedrige Preise bei vielen Produkten[6] sowie eine hohe Mitarbeiter- [7] und Kundenzufriedenheit.[8]

Seine besondere Art der Unternehmensführung erfuhr bundesweit Aufmerksamkeit. Die Anwendung eines betont unautoritären Führungskonzepts, intern von Werner „Dialogische Führung“ genannt, stützt sich auf die Grundwerte von Verständnis und Respekt. Einen neuen Weg zur Förderung der betrieblichen Zusammenarbeit ging Werner, indem er auf einer „Offenheit für Neues“ bestand. Das Ungewöhnliche daran bestätigt u.a. eine arbeitspsychologische Studie[9], wonach die meisten Mobbing-Opfer „offen für neue Erfahrungen“ (gewesen) sind.

Werner war ein bekennender Anthroposoph und richtete seine Unternehmensphilosophie nach den Prinzipien von Persönlichkeitsentwicklung, Vertrauen und Kreativität aus. Daher sah er auch in seinen Mitarbeitern keine Personalkosten, sondern „Kreativposten“ mit „Mitarbeitereinkommen“. Prämien- und Bonussysteme betrachtete er als „permanentes Misstrauen“ gegenüber der Leistungsbereitschaft seiner Mitarbeiter.[10] Dennoch wird am Ende eines jeden Tertials eine sogenannte „Tertialabschlusszahlung“ (in variabler Höhe) an diejenigen Mitarbeiter ausgezahlt, deren Filiale das geplante Ziel erreicht oder überschritten hat.

Eine Besonderheit stellt auch sein Ausbildungskonzept dar, das mehrere Auszeichnungen erhielt. Alle Auszubildenden (von Werner „Lernlinge“ genannt) absolvieren während ihrer Ausbildung zweimal ein achttägiges Theaterprojekt. Mit Unterstützung von Profis sollen sie dadurch „Team- und Kommunikationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, zielgerichtetes wie situationsangemessenes und flexibles Handeln“ einüben. Ziel ist es, sie mit einem Geschäftsmodell vertraut zu machen, das sich als „lernendes Unternehmen“ versteht, um wegen der permanent sich verändernden Marktbedingungen flexibel und effizient handeln zu können. Der passionierte Ruderer Werner veranschaulichte diese Situation mit einem „permanenten Wildwasser“.

Politisches und soziales Engagement

Seit dem Jahr 2005 setzte sich Werner öffentlich für ein bedingungsloses Grundeinkommen in Deutschland nach einem von ihm ab 1982 entwickelten Konzept ein. Die Finanzierung des Grundeinkommens beruht demnach auf der allmählichen Abschaffung der Einkommensteuer und der gleichzeitigen Erhöhung der Mehrwertsteuer als „Konsumsteuer“ auf 100 %. Im November 2005 gründete er dazu die Initiative „Unternimm die Zukunft“.[1]

Werner förderte kulturelle und soziale Projekte wie den Hermann-Hesse-Preis, ein Tageszentrum sowie eine Zufluchtsstätte für Straßenkinder in Alexandria, Ägypten[11] und kostenlose Musikkurse für Kinder.[12] Am 16. August 2010 wurde bekannt, dass Werner seine Unternehmensanteile einer gemeinnützigen Stiftung überlässt.[13]

Damit vollzog er hinsichtlich seines Unternehmensvermögens einen Schritt in Richtung auf die Kapitalneutralisierung.

Götz W. Werner war ein einflußreiches Mitglied der Sektion für Sozialwissenschaft an der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, Goetheanum, Dornach (Schweiz).

Kritik

„Auch mit dem online-Versandhändler Amazon, der vielfach in die negativen Schlagzeilen geriet wegen seiner fragwürdigen Mitarbeiterbehandlung und Lohnpolitik sowie seiner Leih- und Zeitarbeiterpraxis, pflegt dm neuerdings Geschäftsbeziehungen. Amazon könne ja aus seinem Fehlverhalten noch lernen, argumentiert hierzu dm-Gründer Götz Werner, selber outet er sich aber in seiner Autobiografie als Gegner etwa flächendeckender Mindestlöhne, (deren Pro und Kontra ja im letzten Rundbrief 3/2013 vielfach beleuchtet wurde).

Im Jahr 2011 gab es überdies heftige Kritik an einer von dm gesponserten Anzeigenkampagne der CSU-Verbraucherministerin ausgerechnet in der BILD-Zeitung mit Schleichwerbung für dm. Dafür gab es eine Abmahnung durch die Wettbewerbszentrale mit Aufforderung zur Unterlassung. Auch dm ist also vor solchen Versuchungen aus reinem Geschäftsinteresse nicht gefeit, in diesem Falle sogar vor einer nicht gerade dreigliederungsgemäßen Verquickung von Politik und Wirtschaftsinteressen . (Es gilt aber der dm-Grundsatz: „Aus Fehlern lernen“).

Dass dm eine kurze Zeit mit Re-Importen von Waren aus dem Ausland die heimischen Lieferanten und Produzenten unter massiven Preisdruck zu setzen versuchte, wie Götz Werner in seiner Autobiografie freimütig bekennt, stand schließlich fairen Lieferbeziehungen entgegen und wurde deshalb wieder fallen gelassen im Interesse partnerschaftlicher Handelsbeziehungen. Gleichwohl musste noch im Jubiläumsjahr 2013 die Windelfirma Ontex/Hartmann in Recklinghausen (als Hauptlieferant von Babywindeln an dm mit der Produktion von 1,2 Mrd. Windeln jährlich) ihr Werk schließen und über 300 Mitarbeiter entlassen, nachdem dm die Lieferverträge wegen der überlebensnotwendigen 5%-igen Preiserhöhung der Ontex-Produkte daraufhin kurzerhand kündigte. (Der Marktführer unter den Billigdiscountern diktiert letztlich das Preisniveau – eine nicht immer faire und „assoziative Preisfindung“…)“ (Lit.: Wilhelm Neurohr, 2013: 40 Jahre Drogeriemarktkette „dm“- eine unternehmerische Erfolgsgeschichte? [2])

„Diese öffentliche Debatte über die Fragen fairer Löhne und Preise[14] hat den untrennbaren wirtschaftlichen Zusammenhang zwischen Naturgrundlagen, Produktionskosten, Löhnen und Preisen einmal mehr verdeutlicht und ist es wert, vertieft zu werden. (...) Vieles gilt in ähnlicher Weise auch für den Warenhandel etwa in der marktbeherrschenden uniformen Drogeriemarktkette dm, der die vielen kleinen Drogerien mit ihren eigenen Qualitätsansprüchen reihenweise zum Opfer gefallen sind. Ohne wirklich assoziatives Wirtschaften ist und bleibt die Ausbreitung großer Handelsketten offensichtlich problematisch. (...) Viele interessante Fragen aus dem Blickwinkel der sozialen Dreigliederung lassen sich an diesem aktuellen Konfliktfall auch öffentlich thematisieren, wobei nicht jede Marktstrategie gut zu heißen ist, die zwar ihren Ausgangspunkt im Ansatz eines hohen Ideals hatte, aber auf dem weiteren Weg in Problembereiche gelangt, die zu einer Abkehr von den eigenen Idealen und Ansprüchen führen. (...) Es ist Verdienst der Journalisten, mit ihrem kritischen Pressebericht ein intensiveres Nachdenken darüber angestoßen zu haben und im Endeffekt auch ein auskömmliches Einkommen für die bei Alnatura Tätigen erwirkt zu haben.“ (Lit.: Wilhelm Neurohr, 2013, in: Sozialimpulse Nr. 2/2010)

Siehe auch

Werke

  • Götz W. Werner: Wirtschaft – das Füreinander-Leisten. Antrittsvorlesung am 11. Mai 2004 vor der Fakultät für Informatik der Universität Fridericiana zu Karlsruhe (TH), Universitätsverlag, Karlsruhe 2004, ISBN 978-3-937300-35-1. Text
  • Götz W. Werner: Führung für Mündige. Subsidiarität und Marke als Herausforderungen für eine moderne Führung. Universitätsverlag, Karlsruhe 2006, ISBN 978-3-86644-009-8. Text
  • Götz W. Werner: Ein Grund für die Zukunft: das Grundeinkommen. Interviews und Reaktionen. Freies Geistesleben, Stuttgart 2006, ISBN 3-7725-1789-7.
  • Götz W. Werner: Einkommen für alle. Der dm-Chef über die Machbarkeit des bedingungslosen Grundeinkommens. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007, ISBN 978-3-462-03775-3.
  • Götz W. Werner, André Presse (Hrsg.): Grundeinkommen und Konsumsteuer. Impulse für „Unternimm die Zukunft“. Tagungsband zum Karlsruher Symposium Grundeinkommen: Bedingungslos. Universitätsverlag, Karlsruhe 2007, ISBN 978-3-86644-109-5. Text
  • Götz W. Werner: Womit ich nie gerechnet habe. Die Autobiographie, Econ Vlg., Berlin 2013 Rezension (Rezension)
  • Götz W. Werner, André Presse: Die zivilisierte Marktwirtschaft und ihre Feinde. Zum bedingungslosen Grundeinkommen als Wirtschaftsbürgerrecht, in: Breuer, M., Mastronardi, Ph., Waxenberger, B. (Hrsg.), Markt, Mensch und Freiheit. Wirtschaftsethik in der Auseinandersetzung, Haupt, Bern, Stuttgart, Wien 2009, S. 193-211, ISBN 978-3-258-07509-9.
  • Götz Werner / Adrienne Goehler: 1000 € FÜR JEDEN. Freiheit.Gleichheit.Grundeinkommen, Econ Vlg., Berlin 2010, ISBN 978-3-430-20108-7.

Literatur

  • Torsten Blanke: Unternehmen nutzen Kunst. Neue Potentiale für die Unternehmens- und Personalentwicklung, Klett-Cotta, Stuttgart 2002, ISBN 3-608-94054-5
  • Karl-Martin Dietz, Thomas Kracht: Dialogische Führung. Grundlagen, Praxis, Fallbeispiel: dm-Drogerie-Markt, Campus, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-593-37170-7
  • Wilhelm Neurohr: Buchrezension: „Womit ich nicht gerechnet habe“. Autobiografie Götz Werner, 2013, Volltext

Filme

  • Götz Werner: Grundeinkommen für alle. Dokumentarfilm, Deutschland, 2007, 43 Min., Regie: Christoph Schlee, Produktion: allmende film
  • Sie können auch anders - Unternehmer mit Ideen. Diskussion, Deutschland, 2008, 45 Min., mit Götz Werner, Wolfgang Grupp, Norbert Kunz und Ditmar Staffelt, Produktion: Phoenix, Erstausstrahlung: 30. April 2008, online-Video, Ankündigung
  • Grundeinkommen. Film-Essay, Schweiz, 2008, 100 Min., Buch und Regie: Daniel Häni und Enno Schmidt, Produktion: unternehmen mitte, Filmausschnitte und online-Film, u.a. mit Götz Werner

Weblinks

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Unternimm die Zukunft - Bedingungsloses Grundeinkommen und Konsumsteuer [1]
  2. 2,0 2,1 Simon Hage: „Gegen den Strom“, manager magazin, 10. März 2006
  3. Interfakultatives Institut für Entrepreneurship
  4. Festspielhaus Baden-Baden: Portrait, 2006
  5. Matthias Kaufmann: „Der Waldorf-Discounter (2)“, manager magazin, 5. Februar 2004
  6. Silke Gronwald: „Kampf der Discounter“, stern, 04/2005, 27. Januar 2005
  7. Reinhard K. Sprenger: „Fairness - Ehrenpreis 2003 an Götz Werner“, 6. Oktober 2003
  8. Ciao.de: „Die besten Drogeriemärkte“, 2007, (978 Erfahrungsberichte)
  9. Birgit Will: „Wer anders denkt, fliegt raus. Zu Mobbing-Opfern werden oft die Kreativen und Intelligenten“, Süddeutsche Zeitung, 10. Juni 2003
  10. Stuttgarter Zeitung, 21. Mai 2003
  11. bildungfuerkinder.de
  12. www.zukunftsmusiker.de
  13. DM-Gründer gibt sein Vermögen an Stiftung
  14. http://www.taz.de/!5145113/ Arbeitsbedingungen in der Biobranche Ein Ökokapitalist sahnt ab (taz online 2010)
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